Wir sind die SP Frauen*


Das «T-Shirt der Schande» – Ausdruck einer sexistischen Mentalität

Von SP Frauen* Schweiz / PS Femmes* Suisse, 6. Oktober 2020

Blogbeitrag von Martine Docourt und Tamara Funiciello, Co-Präsidentinnen der SP Frauen* Schweiz

In einer Genfer Schule mussten Schülerinnen – ausschliesslich Mädchen – ein T-Shirt in Übergrösse mit der Aufschrift «J’ai une tenue adéquate» tragen, um nackte Schultern oder ein bauchfreies Top zu verstecken. Es ist kein Zufall, dass fast ausschliesslich Mädchen von entsprechenden Massregelungen betroffen sind, und zwar in allen Landesteilen. Vorschriften wie diejenige, dass Kleidung «nicht zu sexy/aufreizend/provokativ» sein darf, zielen direkt auf Frauen, ihre Kleidung und ihren Körper ab. Männerkleidung wird höchstens dann zum Thema, wenn sie offensichtlich (und absichtlich) ungepflegt erscheint. Schülerinnen wird vorgeworfen, ihre Kleidung lenke die männlichen Mitschüler ab – und gleich sind wir mittendrin in den leider immer noch gängigen Schuldzuweisungen gegenüber Frauen. Nach wie vor wird Frauen vorgeworfen, sie seien an Belästigungen und gar Übergriffen selbst schuld, denn sie hätten diese mit ihrer Kleidung, ihrem Verhalten, ihrem Aufenthaltsort provoziert.

Anstelle dieser Anprangerung braucht es an unseren Schulen eine klare Kommunikation: Alle müssen wissen, dass nur JA wirklich JA heisst.  Eine nackte Schulter oder ein entblösster Bauchnabel sind kein Freipass für Übergriffe und auch kein Vorwand für «Ablenkung». Dieser Vorfall zeigt zudem einmal mehr, in welchem Mass auch männliches Verhalten einem sexistischen Stereotyp unterliegt. Es wird suggeriert, dass sich Männer angesichts einer nackten Schulter sich nicht mehr konzentrieren oder gar kontrollieren könnten.

Der Blick der Erwachsenen sexualisiert die Schüler*innen, ohne dass diese auch nur einmal gefragt würden, weshalb sie das Tenue tragen, das sie tragen. Es ist klar, dass es für verschiedene Lebenssituationen mehr oder weniger angemessene Kleidung gibt, und dass darüber auch in den Schulen gesprochen werden muss. Wir wollen aber, dass in dieser Debatte die betroffenen Schüler*innen zu Wort kommen. Wir verlangen, dass ehrlich über versteckten und offenen Sexismus sowie über das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und Respekt gesprochen wird.