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6. Februar: Internationaler Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung FGM

Von SP Frauen* Schweiz / PS Femmes* Suisse, 7. Februar 2018

«In vielen Regionen der Welt ist es lebensgefährlich, ein Mädchen zu sein. Mädchen werden abgetrieben oder sterben in jungen Jahren, weil sie vernachlässigt werden. Mädchen werden unter prekären Umständen beschnitten und unmenschlichen Initiationsritualen ausgesetzt. Dahinter stehen soziale Normen und Traditionen, die vielerorts noch immer stärker sind als Gesetzesparagrafen.» Das schreibt Unicef in einem aktuellen Artikel. Zu den unmenschlichen Ritualen gehört auch die weib-liche Genitalverstümmelung. Wir leben in einer globalisierten Welt und dürfen solche Probleme nicht isoliert betrachten. In diesem Blogbeitrag zum internationalen Tag gegen weibliche Genitalver-stümmelung wollen wir an die gefährdeten und betroffenen Mädchen und Frauen erinnern, die unter uns in der Schweiz und in ganz Europa leben.

Es ist schwierig aktuelle und genaue Zahlen zu erhalten, aber UNICEF und Terre des Femmes sprechen von etwa drei Millionen betroffenen oder gefährdeten Frauen weltweit und zwischen 10’000 und 13’000 Frauen in der Schweiz. Und dies obwohl female genital mutilation (FGM) vielerorts auf der Welt als Form von Kindsmissbrauch anerkannt ist und diverse Menschenrechte verletzt. Gerade in der Schweiz verfügen wir über eine eigene Strafnorm. Ausserdem widerspricht die weibliche Genitalverstümmelung auch jeglichem Gleichstellungsgedanken. Wir sind aufgefordert, die Frauen vor Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts zu schützen.

 

Man kann viele Gründe aufzählen warum FGM falsch ist. Erschreckend finde ich, dass die Praxis unter jüngeren afrikanischen Menschen höhere Zustimmung findet als in der älteren Generation. In der Schweiz stammen die meisten betroffenen Frauen aus verschiedenen afrikanischen Staaten. Aber auch anderorts auf der Welt werden diese Grausamkeiten durchgeführt. Es ist wichtig, dass bei uns diese Migrantinnen, ihre Partner, ja die ganzen Familien, präventiv informiert werden. Ein Arztgespräch ist laut Unicef ein wichtiger Schlüssel in der Umsetzung der FGM Prävention, beispielsweise im Vorfeld einer Geburt. Der Arzt oder die Ärztin kann Paare beraten und ihnen erklären, warum eine Beschneidung für die Tochter falsch und gefährlich ist. Aber auch Mädchen sollen über ihre Rechte Bescheid wissen und sollen Möglichkeiten erhalten, sich zu wehren, wenn sie feststellen, dass das Ritual an ihnen ausgeführt werden soll.

 

Wir dürfen nicht vergessen, dass nicht nur der Eingriff selbst Gefahren birgt, sondern dass betroffene Frauen die Folgen davon ein Leben lang mit sich tragen. Oft entstehen Infektionskrankheiten, Urin lassen kann qualvoll sein, Geschlechtsverkehr ist oft schmerzhaft und der Lustfaktor bleibt auf der Strecke. Eine Beschneidung kann nicht rückgängig gemacht werden und die weiteren physischen und psychischen Konsequenzen sind nicht absehbar. Ausserdem ist FGM ein Offizialdelikt, das heisst es muss von Amtes wegen verfolgt werden. Nach Art. 124 StGB macht sich strafbar, «wer die Genitalien einer weiblichen Person verstümmelt, in ihrer natürlichen Funktion erheblich und dauerhaft beeinträchtigt oder in anderer Weise schädigt».

 

Historisch betrachtet, scheint FGM aus patriarchalischen und hierarchischen Gesellschaftssystemen im alten Ägypten zu stammen. Experten sind sich einig, dass es sich eher um ein kulturelles als um ein religiöses Phänomen handelt. Denn die Ursprünge liegen weiter zurück als die Anfänge der Religionen. Und auch Zahlen belegen, dass beispielsweise in Eritrea sowohl christliche als auch muslimische Familien ihre Töchter in ähnlichem Masse beschneiden. Häufig wird von den Familien FGM mit der Überzeugung praktiziert, der Frau einen Gefallen zu tun. Es ist in vielen Ländern ein gesellschaftlich sensibles und brisantes Tabuthema. Sehr irritierend ist für mich , dass gerade Frauen  diese Praxis durchführen und unterstützen, auch solche die selber von FGM betroffen sind. Das kann ich nicht verstehen und nachvollziehen. Wie kann eine Frau, welcher solch grosses Leid wiederfahren ist, selber zum stumpfen Messer oder zur Rasierklinge greifen oder eine Frau engagieren, ihren Mädchen dasselbe anzutun? Dafür will ich kein Verständnis haben.

 

Ich setze mich schon länger dafür ein, dass in der Schweiz aktiv mit dem Problem umgegangen wird. Beispielsweise bin ich Verfasserin der Anfrage «Nulltoleranz bei FGM» an den Bundesrat aus dem Jahr 2015. Ausserdem habe 2013 ich eine Interpellation zu Präventionsmassnahmen unter dem Titel «Female Genital Mutilation – Präventionsmassnahmen des Bundes» eingereicht. Denn FGM verletzt das Recht auf Leben, das Recht auf physische und geistige Unversehrtheit und das Recht auf Gesundheit. Und obwohl es als geschlechtsspezifischer Fluchtgrund anerkannt ist, findet es selten Anerkennung in der Asylpraxis. Deshalb dürfen wir nicht aufhören, uns auch weiterhin gegen die weibliche Genitalverstümmelung zu engagieren. Bereits werden neue Verletzungen an Mädchen vollzogen, damit die Verbote umgangen werden können. Das sogenannte «Pricking» verbreitet sich immer weiter. Warum nur werden Mädchen und Frauen öfters und stärker in ihrer körperlichen Integrität beschnitten? Warum werden immer neue Methoden dafür gesucht und auch gefunden? Dagegen kann nur die Gleichstellung der Geschlechter helfen. Wir müssen die Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht achten und respektieren, und ihnen die gleichen Rechte zugestehen. Nur dann sehe ich Fortschritte im Schutz der Mädchen und Frauen.